Münsterbilder – mal anders

Die Palim.Psest collection von Mark Coles zeigt im Münsters Hamburger Tunnel eine vergängliche Bildwelt aus zerrissenen Plakaten, Farbschichten und Graffiti. Innerhalb von zwei Wochen entstanden 24 quadratische Fotografien – ein archäologischer Schnappschuss einer einzigartigen Form von „Street Art by the masses“.

Palim.Psest – in Anlehnung an den Begriff Palimpsest: ein Manuskript, dessen ursprünglicher Text abgeschabt oder abgewaschen und anschließend überschrieben wurde. Wie bei den Plakaten bleiben dabei Spuren früherer Schichten sichtbar.

raw photo of lady with jewelled earring

Originalfoto, 4.7.2022 – © Mark Coles

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„Lady with the jewelled earring"

Projektregeln

Coles setzte sich fünf einfache Regeln: Die Fahrräder durften nicht verschoben werden, um einen besseren Blickwinkel zu erhalten. Die Fotografien durften in keiner Weise verändert werden: Es durfte nichts hinzugefügt und nichts entfernt werden. Die Fotografien mussten quadratisch sein, die Serie sollte aus genau 24 Bildern bestehen, und alle Aufnahmen sollten innerhalb von zwei Wochen entstehen.

Die zeitliche Begrenzung war besonders wichtig, denn der Zustand der Wände konnte sich durch weitere Eingriffe jederzeit verändern. Coles wollte festhalten, was man einen „archäologischen Schnappschuss“ nennen könnte. Daher sein Motto: „Two weeks, one location, twenty-four snapshots.“

„Hamburger Tunnel“, Berlinerplatz, 4.7.2022 – © Mark Coles

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Sneakers upside down

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lady officer
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die doctor

Über Mark Coles

Mark Coles ist Künstler, Fotograf und ehemaliger Opernsänger. Er lebt in Münster.

Seine Beziehung zur Fotografie begann in der Dunkelkammer einer High School in New York, wo er erstmals lernte, Filme zu entwickeln. „Viele Jahre lang“, sagt er, „war Fotografieren einfach etwas, das ich getan habe – eine stille, beständige Art, die Welt zu betrachten.“ Die Musik hingegen wurde zu seinem Beruf.

Was mit Gesang in Schulmusicals begann, entwickelte sich zu einer Opernkarriere, die Coles schließlich als Mitglied eines Theaterensembles nach Münster führte. Während seiner Zeit am Theater sang er ein breites Spektrum an Rollen – von Daland in Der fliegende Holländer bis Audrey II in Little Shop of Horrors.

Die Fotografie blieb stets präsent. Um 2018 wurde sie jedoch zu einer intensiveren Leidenschaft, nachdem ein Freund ihm vorgeschlagen hatte, sich eine „richtige“ Kamera zuzulegen.

Der Hamburger Tunnel

Die Fahrradinfrastruktur rund um den Münsteraner Hauptbahnhof beschäftigt Coles seit Langem. Sie gehört zu den ersten Besonderheiten, die er Freunden zeigt, die Münster nicht kennen. Die schiere Dimension der Fahrradabstellplätze spiegelt die besondere Beziehung der Stadt zum Radverkehr wider.

Ein früheres Foto vom 21. Januar 2020 dokumentiert sein anhaltendes Interesse an diesem Ort. Es zeigt doppelstöckige Fahrradständer entlang einer Wand des Hamburger Tunnels; die dahinterliegenden Werbeplakate waren dadurch größtenteils verdeckt.

„Münster (Westf) Hbf“, Januar 2020 – © Mark Coles

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Coles vermutet, dass diese verdeckte Wand zu einem Ort geworden sein könnte, an dem sich anonyme Eingriffe über längere Zeit unbemerkt ansammelten. Während ältere Plakate auf gewöhnlichen Werbeflächen meist einfach von neuen überdeckt werden, wurden die Plakate an dieser Tunnelwand abgerissen, übermalt und verändert. Unter den Papierschichten traten Fragmente von Gesichtern, Typografie und Bildmotiven hervor.

Bis Juli 2022 waren die doppelstöckigen Fahrradständer entfernt worden. Am 4. Juli kehrte Coles zum Hamburger Tunnel am Berlinerplatz zurück. Ursprünglich wollte er dort Mitzieher-Aufnahmen von vorbeifahrenden Radfahrern machen – also die Kamera während der Aufnahme mit ihrer Bewegung mitführen.

Doch etwas anderes zog seine Aufmerksamkeit auf sich: die zerrissenen, verwitterten und mit Graffiti versehenen Werbeplakate an den Tunnelwänden.

Die Entdeckung

„Ein Plakat im Besonderen, ‚Black Painted Tears‘, ließ mich innehalten“, erinnert sich Coles. „Ich schaute hinauf und sah, dass jemand unter eines der Augen des Mannes schwarze ‚Tränen‘ gemalt hatte. Die Wirkung war emotional verstörend.“

black painted tears poster

black-painted tears

Als er genauer hinsah, entdeckte er weitere Fragmente von Gesichtern, Schriftzügen und Bildmotiven, die unter den beschädigten Papierschichten sichtbar wurden. Die Plakate waren nicht länger bloß weggeworfene Werbung. Sie waren zu Bildern geworden, geformt von Zeit, Zufall und zahllosen anonymen Eingriffen.

Am 5. und am 19. Juli kehrte Coles erneut zurück. Innerhalb von zwei Wochen fotografierte er den Tunnel an drei Tagen. Dabei galt eine einfache Regel: Nichts in der Szene durfte verändert werden – nicht einmal ein Fahrrad, das den Blick versperrte –, um ein besseres Foto zu erhalten. „Ich musste mit dem arbeiten, was vorhanden war“, sagt er.

PRÄVENTION PA

PRÄVENTION PA

Einige Plakate bedeckten große Wandflächen, andere waren kleiner als DIN A4. Zu Hause wählte Coles die Fotografien aus, die ihn besonders beschäftigten, und legte zwei weitere Bedingungen fest: Jedes fertige Werk musste quadratisch sein. Benötigte ein Bild eine Farbkorrektur, durfte sie ausschließlich global auf das gesamte Foto angewendet werden; einzelne Elemente durften nicht verändert werden. Damit wollte Coles die Integrität der Künstlerinnen und Künstler bewahren, die die ursprünglichen Plakatmotive geschaffen hatten.

Schließlich begrenzte er die Serie auf 24 Bilder. „Ohne diese Begrenzung“, sagt er, „hätte das Projekt leicht endlos werden können.“

Street Art by the masses

 Die Menschen, die die Plakate abrissen, wussten nicht, welche Bilder, Gesichter oder Botschaften darunter lagen – und auch nicht, wie viele Schichten sie freilegen würden. Diese Unvorhersehbarkeit ist ein zentraler Bestandteil der Arbeiten.

In 666 Julia-heart erscheint beispielsweise der Kopf einer Frau über dem bekleideten Oberkörper eines Mannes. Selbst Coles kann nicht bestimmen, welches Bild ursprünglich oben lag. Die Person, die das Plakat abriss, konnte nicht wissen, was sich darunter verbarg.

Julia666

666 Julia-heart

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a man and a boy

Man and Boy ist ein weiteres Beispiel. Als Coles das Bild erstmals sah, erkannte er einen Mann, der sich offenbar in einer belastenden Situation befindet, und über ihm einen Jungen. Erst Jahre später identifizierte ein älterer Musiker den Jungen als den vierzehnjährigen Phil Collins an einem Schlagzeug. Das Fragment stammte offenbar aus Werbematerial im Zusammenhang mit Collins Not Dead Yet-Tournee, die 2017 und erneut 2019 auch in Deutschland Station machte.

Die Serie greift zwar das längst etablierte fotografische Genre der „zerrissenen Plakate“ auf, ist jedoch weit mehr als eine Sammlung solcher Motive. Die 24 Bilder entstanden ausschließlich an einem Ort, dem Hamburger Tunnel, und innerhalb von zwei Wochen. Gerade diese Begrenzung macht die Serie zu einem archäologischen Schnappschuss von Münster – geformt durch Plakatgestalter, Passanten, Wetter, Zeit, Radfahrer, Graffiti-Künstler und die anonymen Hände, die das Papier abgerissen haben.

Ort und Ausstellung

„Ich bin immer wieder beeindruckt, wie die Stadt Münster für ihre Radfahrer sorgt, besonders hier am Bahnhof: durch das unterirdische Parkhaus für Fahrradpendler, aber auch durch die vielen Fahrradständer vor dem Bahnhof, einschließlich dieser Reihe im Tunnel.“

Die Fahrradständer im Tunnel verdeckten eine Wand und schufen einen Bereich, der von außen weniger einsehbar war. Dort konnten sich über längere Zeit unterschiedliche Nutzungen und Eingriffe unbemerkt ansammeln.

Die Münsteraner kennen die Unterführung als „Hamburger Tunnel“. Im Volksmund ist sie auch unter weniger schmeichelhaften Namen bekannt – ein Hinweis auf ihre problematische Vergangenheit.

Palim.Psest „A unique form of Street-Art by the masses“ wurde erstmals auf dem Weihnachtsmarkt 2025 in Münster präsentiert, in Zusammenarbeit mit Feine Art und mit Unterstützung von Foto Köster. Zwei Wochen zuvor hatte die Stadt beide Seiten des Tunnels mit einem einzigen Plakat überklebt: „Feel the future“ – einer aktuellen Kampagne der Stadt.

24 snopshots